Dienstag nach dem 1. Fastensonntag

Würfel

Die sechs Seiten des Fastens

Es ist jedes Jahr dasselbe: Die Karnevalszeit, in der man sich mit allerlei Köstlichkeiten verwöhnt hat und mit buntem Konfetti berieselt worden war, in der man sich verkleidet und seinen Spaß gehabt hatte, war vorbei und nun begann die Fastenzeit. Die bunten Kostüme und lustigen Gesichter verschwinden und weichen einer etwas farblosen und grauen Zeit, in der man auf die Früchte des Lebens verzichten muss. Fastenzeit, das bedeutete für meine Schwester und mich jedes Jahr aufs Neue der vollkommene Verzicht auf Süßigkeiten. Eine Zeit, in der man die mit Gummibären gefüllte Teedose unserer Mutter im Küchenregal stehen ließ und jedes Mal nur sehnsüchtige Blicke darauf warf, während man nach einem gesunden Apfel oder einer Karotte griff. Und so wurde die folgenden Jahre weiterhin auf Süßigkeiten verzichtet, denn Gummibärchen allein waren freilich nicht genug, auch wenn es uns bei ihnen am schwersten fiel. Doch diese Art zu fasten, war eintönig und Jahre darauf auch nicht sonderlich schwer.
Eines Tages stieß unsere Mutter auf einen Artikel, in dem die Fokolare den „Fastenwürfel“ vorstellten. Das war eine gänzlich neue Idee, die ein wenig Farbe und Abwechslung ins Spiel brachte. Somit wurde aus unserer einseitigen Fastenzeit eine sechseitige.
Der Fastenwürfel ist für meine Familie zum Symbol für die Fastenzeit geworden und hat aus einer etwas farblosen Zeit eine bunte und fröhliche Zeit gemacht, auf die wir uns jedes Jahr auf gewisse Art und Weise wieder freuen. Denn Fasten muss nicht eintönig sein, das hat sicherlich auch der liebe Gott nicht so gewollt. Fasten soll uns helfen, uns zu besinnen, mehr auf uns und unsere Mitmenschen zu achten. Dies leben wir nun schon seit einigen Jahren auf „sechs verschiedenen Seiten“.
Jede Seite hat bei uns ihre Regeln und Vorgaben und es ist jeden Abend immer wieder spannend, wenn beispielsweise meine Schwester oder einer meiner Eltern den Würfel werfen darf und vorher noch fleißig Wetten darüber abgeschlossen werden, ob wir am nächsten Tag auf Fleisch oder auf Süßigkeiten verzichten müssen. Denn die dürfen natürlich auf dem Fastenwürfel nicht fehlen! Natürlich wird hin und wieder einmal ein Auge zugedrückt, wenn das Ergebnis nicht ganz optimal in den Plan des nächsten Tags passt … dann werden eben alle Hühneraugen zugzusammengekniffen und hinter dem Rücken wird nochmal gewürfelt. Aber nur in äußerst schwerwiegenden Situationen und Notfällen!!!

Unsere „sechs Seiten des Fastens“:
– keine Süßigkeiten
– kein Fleisch
– kein Fernsehen/Computer/Smartphone/WhatsApp/Internet/sonstige soziale Netzwerke
– kein Streiten
– eine halbe/ganze Stunde aufräumen
– der Joker (hier darf nochmal gewürfelt oder ein besonderer Wunsch geäußert werden)

Obwohl wir den Fastenwürfel nun schon seit einigen Jahren in der Fastenzeit benutzen, ist es jedes Jahr wieder aufs Neue spannend zu sehen, wie sich das Fasten entwickelt und gestaltet. Auch wenn es damit leichter fällt, als sich vierzig Tage lang strikt an eine Sache zu halten, ist es nicht immer leicht. Doch man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben…